Geopolitik gegen Sanktionen: Russisches Öl wird teuer als westliches

Die Preise für Rohöl stehen wieder Kopf – nun notiert das russische Urals-Öl höher als das US-amerikanische Brent. Grund dafür sind vor allem die erneute Anspannung im Nahen Osten sowie die steigende Nachfrage aus China.

Der Preis der russischen Exportmarke Urals übersteigt die Notierungen der Nordsee-Referenzsorte Brent um acht US-Dollar pro Barrel. Eine solche Differenz gab es seit dem Frühjahr dieses Jahres nicht mehr, wie Experten feststellen.

Früher wurde Urals, auf das etwa 70 Prozent des gesamten aus Russland exportierten Öls entfallen, aufgrund seines höheren Schwefelgehalts und seiner höheren Dichte mit einem Abschlag gegenüber dem Nordsee-Benchmark gehandelt. Normalerweise betrug die Differenz zwischen zwei und fünf US-Dollar pro Barrel, doch nach dem Jahr 2022 erreichte dieser Abschlag aufgrund des Sanktionsdrucks zweistellige Werte – bis zu 20 US-Dollar und sogar mehr. Die Zeitung Iswestija schreibt dazu:

"Derzeit ist die Preisstruktur umgekehrt. Das erste Mal geschah dies nach Ausbruch des Krieges in Iran, und nun, Mitte September, hat die Preisdifferenz erneut die Höchststände vom Frühjahr erreicht. Der Aufschlag von acht US-Dollar pro Barrel Urals entsteht nicht in Europa (das schon lange nicht mehr der Hauptabnehmer dieser Sorte ist), sondern an den asiatischen Handelsplätzen ... Die Brent-Notierungen in London stehen derzeit jedoch unter dem Druck der Rezessionsängste in den westlichen Volkswirtschaften und des Ausverkaufs der letzten strategischen Reserven der USA."

Dabei ist die Nachfrage nach russischem Öl vor dem Hintergrund einer erneuten Eskalation im Nahen Osten stark gestiegen. So hat Saudi-Arabien vor Kurzem die Ost-West-Pipeline (Petroline) stillgelegt, über die Öl unter Umgehung der Straße von Hormus transportiert worden war. Unter diesen Umständen erhält Urals-Öl, das über Häfen im Fernen Osten oder über die geschützte Nordostpassage geliefert wird, einen zusätzlichen Wert. Die derzeitigen acht Dollar Aufschlag auf den Brent-Preis seien also der Preis für Sicherheit beim Transport, betonen Experten. Auch die Sperrung der Meerenge von Bab al-Mandab beunruhigt die Investoren, schreibt die Iswestija:

"Einigen Berichten zufolge hat die jemenitische Bewegung Ansar Allah (Huthi) bereits mit der Verminung dieser Route begonnen. Derzeit ist die Lage durch den Nebel des Krieges verschleiert, doch die Bedrohung ist durchaus real."

Eine Eskalation im Süden der Arabischen Halbinsel könnte den weltweiten Ölmarkt teuer zu stehen kommen. Sollte die Durchfahrt durch die Meerenge von Bab al-Mandab nicht mehr reibungslos funktionieren und das Rote Meer endgültig für jeglichen Handelsschiffsverkehr gesperrt werden, würde sich der weltweite Ölhandel faktisch in zwei voneinander isolierte Hemisphären aufspalten. Europa würde dann endgültig den Zugang zu den verbleibenden Dieselvorräten aus Asien und dem Nahen Osten verlieren und wäre ausschließlich auf teure Rohstoffe aus den USA und Westafrika angewiesen. Asien wiederum wäre von den Lieferungen aus dem Atlantik abgeschnitten.

Marktbeobachter gehen daher davon aus, dass die Ölpreise weiter steigen werden. Bei einer Schließung der Meerenge von Bab al-Mandab könnte sich der Aufschlag für die russische Sorte Urals in Asien auf 15 bis 20 US-Dollar ausweiten, da chinesische und indische Raffinerien dann vollständig von Lieferungen aus Russland abhängig wären. Auch die Brent-Notierungen werden steigen. Und die hohen Ölpreise könnten bereits einen negativen Konjunkturzyklus auslösen: eine Krise in energieintensiven Branchen weltweit und eine erhebliche Abkühlung der Weltwirtschaft.

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