Von Alex Männer
Die Sicherheitslage in Europas größtem Kernkraftwerk Saporoschje ist aufgrund mutmaßlicher Drohnen- und Raketenangriffe der Ukraine weiter dabei, gefährlich zu eskalieren, und scheint derzeit so brenzlig zu sein wie nie zuvor. Denn diese von Russland bereits seit März 2022 kontrollierte Atomanlage ist nach russischen Angaben durch mehrere ukrainische Drohnenangriffe am Freitag auf ein benachbartes Wärmekraftwerk erneut von der externen Stromversorgung abgeschnitten worden.
Seitdem werden die abgeschalteten Reaktoren mit Notstrom aus Dieselgeneratoren gekühlt, da die Wiederaufnahme der regulären Stromversorgung über die Leitung Ferroslawnaja-1 derzeit unmöglich sein soll, heißt es in der offiziellen Mitteilung des russischen AKW-Betreibers Rosatom. Dessen ungeachtet seien die Lage im AKW unter Kontrolle und die Strahlungswerte normal.
Und auch wenn die Notstromversorgung vorerst ausreicht, muss die externe Stromversorgung so schnell wie möglich wiederhergestellt werden. Denn selbst wenn die Kühlsysteme der Reaktoren sowie andere Systeme des Kraftwerks mittels Reservegeneratoren mit Energie versorgt werden und keine unmittelbare Gefahr besteht, ist dies mit Blick auf die atomare Sicherheit sicherlich kein Dauerzustand.
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) bestätigte den Stromausfall und äußerte erneut und beinahe routinemäßig große Besorgnis über die anhaltenden Angriffe, ohne jedoch die Verantwortlichen dafür zu benennen. Zugleich forderte die Behörde die sofortige Wiederherstellung der externen Stromversorgung, um einen möglichen Nuklearunfall in der Anlage zu verhindern.
Westliche Politiker und Medien hingegen haben die erneute Eskalation rund um das AKW Saporoschje ignoriert. Im Übrigen genauso wie schon vor knapp einer Woche, als es zum bislang vermeintlich schwersten Angriff auf das Kernkraftwerk gekommen war. Am 30. Mai wurde eine der Turbinenhallen im zentralen Teil der Atomanlage von einer Kamikaze-Drohne getroffen, sodass ein großes Loch im Gebäude entstanden war. Zum Glück wurde die Betriebsfähigkeit des Kernkraftwerks dadurch nicht beeinträchtigt. Dennoch ist klarzustellen, dass dieser Angriff – im Unterschied zu den vorherigen Attacken – nicht gegen die peripheren Bereiche gerichtet war, sondern gegen eine zentrale Einheit des Kraftwerks. Damit stieg das ohnehin hohe Risiko einer nuklearen Katastrophe immens.
Einer, der klare Worte dazu fand, ist Rosatom-Chef Alexei Lichatschow. Russischen Medien sagte er: "Man könnte die internationale Staatengemeinschaft sozusagen 'gratulieren' – dies ist der erste vorsätzliche Angriff auf die Hauptausrüstung eines Atomkraftwerks mit anschließender Detonation und Beschädigung des Maschinenhauses (…). Die ukrainischen Streitkräfte überschreiten immer wieder nicht nur rote Linien, sondern auch die Grenzen des gesunden Menschenverstandes. Was ist als nächstes zu erwarten? Angriffe direkt auf die Turbine? Den Reaktorraum? Den Reaktor und seine Sicherheitssysteme?"
Westen schweigt zur Verantwortung Kiews
Dass ein Atomkraftwerk mitten in Europa von einer Kriegspartei – allem Anschein nach mit voller Absicht – wiederholt angegriffen wird, ist in der Geschichte der Menschheit einmalig und anders denn als Wahnsinn nicht zu bezeichnen. Angesichts dessen werden die Russen nicht müde, auf ukrainische Angriffe sowie die Verantwortung der Kiewer Führung in diesem Zusammenhang hinzuweisen und davor zu warnen, dass solche Attacken nicht nur die Gefahr einer Explosion, sondern auch die Gefahr einer Überhitzung der Reaktoren erhöhen. Moskau betont immer wieder, dass der Beschuss jedes Mal aus der Richtung kam, in der sich die ukrainischen Truppen aufhielten. Zudem hatte man in der Vergangenheit die gefundenen Überreste von Projektilen als Beweise präsentiert, von denen einige auf westliche Munition hinweisen sollen.
Die Ukraine ihrerseits hatte die Vorwürfe Moskaus stets dementiert und im Gegenzug wiederholt behauptet, dass es die russischen Streitkräfte seien, die das AKW Saporoschje selbst beschießen, um die Schuld dafür der ukrainischen Seite zu geben. Demnach soll Russland seine eigenen Soldaten und Ingenieure, die sich im AKW befinden und die Sicherheit vor Ort sowie die Betriebsfähigkeit der Anlage gewährleisten, bereits seit Jahren systematisch angreifen und damit nicht nur ihren Tod, sondern auch einen nuklearen Unfall in Kauf nehmen.
Dass diese absurde Theorie weiterhin Bestand hat, ist nicht zuletzt dem in hohem Maße lächerlichen und zugleich besorgniserregenden Verhalten der IAEA sowie der westlichen Politiker und Medien geschuldet, die seit Jahren so tun, als sei es ihnen unmöglich festzustellen, woher der Beschuss kommt und wer dafür verantwortlich ist. Stattdessen verbreitet man allzu gern die Propaganda Kiews oder spricht quasi von rätselhaften Angriffen, ohne dabei konkret zu werden.
Festzustellen, wer für die Angriffe verantwortlich ist, sei übrigens auch nicht die Aufgabe der IAEA, betont man in der Atombehörde. Die Aufgabe der internationalen Inspektoren besteht in erster Linie darin, bestimmte technische Aspekte klarzustellen und ein Urteil über den Zustand der Anlage zu treffen, um die Sicherheitslage selbst einschätzen zu können.
Insofern bleibt es dabei, dass die Verhinderung einer nuklearen Katastrophe mitten in Europa und die Gewährleistung der Sicherheit im AKW Saporoschje weiterhin auf den Schultern Russlands lasten. Und angesichts der Untätigkeit der europäischen Staatengemeinschaft sowie der IAEA ist zu hoffen, dass die Russen die ihnen auferlegte Herausforderung bewältigen werden.
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