
Israels gefährliche Auswanderungsspirale

Von Rainer Rupp
Israel war über Jahrzehnte ein Einwanderungsland. Doch inzwischen gewinnt die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung an Bedeutung. Seit 2022 ist die Zahl der Israelis, die das Land längerfristig verlassen, drastisch gestiegen. Besonders problematisch ist dabei weniger die reine Zahl als die Zusammensetzung der Auswanderer: Überproportional häufig gehen junge, gut ausgebildete, säkulare und überdurchschnittlich verdienende Israelis – genau jene Bevölkerungsgruppen, von denen Hightech-Industrie, Gesundheitswesen, Wissenschaft, Steueraufkommen und letztlich auch die militärisch-technologische Leistungsfähigkeit des Landes besonders abhängig sind.

Nach der aktuell verfügbaren Zeitreihe des "Israelischen Zentralamtes für Statistik" (CBS) wurden 2023 rund 59.400 Auswanderer erfasst. Im Jahr 2024 sprang die Zahl auf knapp 82.800 – etwa doppelt so viele wie 2022 und ungefähr doppelt so viele wie der Durchschnitt in vielen Jahren vor der gegenwärtigen Krise. Für 2025 werden vorläufig knapp 69.500 Auswanderer gezählt ausgewiesen. Gleichzeitig sank die Zahl der Rückkehrer von 29.600 im Jahr 2023 auf 24.150 im Jahr 2024 und 18.780 im Jahr 2025. Allein 2024 entstand damit ein negativer Wanderungssaldo von rund 58.600 Israelis.
Wegen unterschiedlicher statistischer Zuordnungen variieren einzelne Jahreszahlen. Am Gesamtbild ändert dies wenig. Eine Analyse des Forschungsdienstes der Knesset kommt für 2022 bis 2024 auf einen kumulierten negativen Wanderungssaldo von rund 140.000 Israelis. Besonders auffällig: Die Auswanderer sind im Durchschnitt jung, vergleichsweise gut ausgebildet und zunehmend verheiratet.
Krieg und Unsicherheit verändern die Motive
Damit unterscheidet sich die jüngste Auswanderungswelle qualitativ von früheren Phasen. Bessere berufliche Chancen im Ausland spielten zwar schon immer eine Rolle, doch seit 2023 verstärken Krieg, die prekäre Sicherheitslage, politische Spannungen und Zukunftsängste diese Entwicklung.
Das Israel Democracy Institute (IDI) stellte in einer großen Untersuchung 2025 fest, dass rund ein Viertel der jüdischen und etwa ein Drittel der arabischen Israelis erwogen haben, zeitweilig oder dauerhaft das Land zu verlassen. Besonders hoch war die Bereitschaft unter säkularen Juden: 39 Prozent dachten über einen Wegzug nach, gegenüber lediglich drei Prozent der Ultraorthodoxen. Unter jüdischen Israelis zwischen 18 und 34 Jahren insgesamt waren es 36 Prozent.
Als zentrale Push-Faktoren identifizierte das IDI hohe Lebenshaltungskosten, Sorgen um die Zukunft der Kinder und die Sicherheitslage. Bemerkenswert ist zudem, dass 69 Prozent der auswanderungsbereiten jüdischen und 62,5 Prozent der arabischen befragten Israelis keinen konkreten beruflichen oder akademischen Anlass nannten. Entscheidend war zunächst der Wunsch, Israel zu verlassen.
Allerdings sollte aus diesen Zahlen keine bevorstehende Massenflucht aus Israel abgeleitet werden. Denn eine andere IDI-Erhebung zeigte im Jahr 2025 zugleich, dass mehr als 70 Prozent der jüdischen sowie der arabischen Befragten trotz günstiger Möglichkeiten im Ausland lieber zu Hause in Israel bleiben würden. Die Bindung an Familie und Gesellschaft bleibt stark.
Gefährlicher als die Zahl der Auswanderer ist, wer weggeht
Selbst ökonomisch gibt es hier ein wichtiges Problem. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung der israelischen Steuerbehörde kommt zu dem Ergebnis, dass die Auswanderung von Gutverdienern innerhalb von fünf Jahren nahezu auf das Doppelte gestiegen ist. Ärzte, Ingenieure und andere hochqualifizierte Arbeitnehmer sind überproportional vertreten.
Die Autoren der Studie, Ariel Greizaz und Nili Ben-Tovim in der Times of Israel, beschreiben die Entwicklung eindeutig: Während die Auswanderungsquote bei schwächeren Einkommensgruppen kaum verändert sei, habe sie bei den "starken und wohlhabenden Schichten" deutlich zugenommen. Das Einkommen heutiger Auswanderer liege vor ihrer Abreise rund 50 Prozent über dem israelischen Durchschnitt.
Das hat erhebliche fiskalische Konsequenzen. Bis 2019 hatten spätere Auswanderer im Jahr vor ihrer Abreise durchschnittlich rund 500 Millionen Schekel Einkommensteuer gezahlt. In den Jahren 2023 und 2024 waren es jeweils etwa 1,2 Milliarden Schekel. Setzt sich die Entwicklung fort, könnte der jährliche Einnahmeverlust nach Berechnungen der Steuerbehörde innerhalb von fünf Jahren auf etwa 3,5 Milliarden Schekel anwachsen (gut 1,01 Milliarden Euro). Besonders empfindlich sei dies, weil die oberen 20 Prozent der Einkommensbezieher rund 92 Prozent des Einkommensteueraufkommens des kleinen Staates Israel tragen.
Ärzte, Ingenieure und der Kern der "Start-up Nation"
Noch sichtbarer wird die Entwicklung im Gesundheitswesen. Forscher der Universität Tel Aviv ermittelten, dass zwischen 2023 und 2025 rund 1.370 Ärzte Israel für mindestens ein Jahr verließen – beinahe doppelt so viele wie im vergleichbaren Zeitraum zehn Jahre zuvor. Professor Itai Ater warnte, dies bedeute unmittelbar längere Wartezeiten, schlechtere medizinische Versorgung und letztlich Einbußen bei der Lebensqualität.
Noch alarmierender ist eine Untersuchung unter angehenden Fachärzten: Mehr als die Hälfte erwog, in den kommenden Jahren im Ausland zu arbeiten. Neben Arbeitsbedingungen wurden politische und sicherheitspolitische Sorgen als Gründe genannt.
Parallel verschiebt sich der Schwerpunkt der israelischen Hightech-Industrie. Nach dem "High-Tech Annual Report 2026" der Israel Innovation Authority sank erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt die Zahl der in Israel beschäftigten Forschungs- und Entwicklungsmitarbeiter. Nur noch 62 Prozent der Beschäftigten privater israelischer Technologieunternehmen arbeiteten im März 2026 in Israel; im Jahr 2019 waren es 69 Prozent gewesen. Auch Management- und Forschungsfunktionen verlagern sich zunehmend in die USA und andere Länder.
Die Gefahr einer sich selbst verstärkenden Spirale
Genau darin liegt die mittelfristige Gefahr. Israel verliert nicht einfach Einwohner. Es droht, überproportional Menschen zu verlieren, die Unternehmen gründen, hohe Steuern zahlen, Patienten behandeln, forschen und technologische Schlüsselpositionen besetzen.
Gehen diese Gruppen dauerhaft, schrumpft die Steuerbasis. Gleichzeitig steigen die Belastungen der Verbleibenden, während Gesundheitswesen, Hochschulen und öffentliche Dienstleistungen unter Fachkräftemangel geraten. Verschlechtern sich dadurch Lebensqualität und wirtschaftliche Perspektiven, wächst wiederum der Anreiz für weitere international mobile Fachkräfte, das Land zu verlassen.
Ökonom Itai Ater warnt deshalb vor einem schwer umkehrbaren "Spiraleneffekt". Genau diese Rückkopplung macht die Entwicklung für Israel gefährlicher als die Gefahr, die von iranischen Raketen ausgeht. Letztere ist schließlich leicht zu kontrollieren. Denn ohne israelische offene militärische Angriffe und verdeckte Terroroperationen gegen Iran, Palästinenser und andere Nachbarn in der Region könnte Israel dauerhaft in Frieden leben.
Die entscheidende Frage für das Überleben Israels lautet daher nicht, ob Israel mittelfristig genügend Einwohner hat, oder welche Israelis in fünf oder zehn Jahren noch dort leben und arbeiten, sondern ob die israelische Führung weiterhin in mehrere geografische Richtungen Krieg führt, um die ganze Region unter ihre Kontrolle zu bekommen und ihren mörderischen Traum von Erez Israel (Groß-Israel) als nukleare Großmacht zu verwirklichen.
Wenn die zionistische Führung diese verbrecherischen Ziele weiterverfolgt, wird das mittelfristig zum demografischen Selbstmord Israels führen. Vermehrte Kriege, verstärkte Unsicherheiten und zunehmende Kriegsopfer unter der Zivilbevölkerung und den eingezogenen Soldaten, die im Wirtschaftskreislauf fehlen, sowie höhere Lebenshaltungskosten wegen der Kriegswirtschaft und gesellschaftliche Konflikte durch Polarisierung werden gerade jene hochmobilen Israelis vertreiben, auf denen Israels Steuerbasis, Medizin, Wissenschaft und technologische Stärken beruhen.
Dass diese Sorge längst in der israelischen Gesellschaft angekommen ist, zeigt die IDI-Studie besonders deutlich: 64 Prozent der jüdischen und 73 Prozent der arabischen Befragten betrachten die Abwanderung gut ausgebildeter und wirtschaftlich etablierter Israelis als Gefahr für die Zukunft des Landes.
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